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Umgang mit Menschen

Selbstwertgefühl

Warum ein stabiles Selbstwertgefühl dich vor Provokationen schützt und warum die Uniform manche Kollegen zu Grenzüberschreitungen verleitet.

Stand: 06.11.2026Von Oliver Misch

Kurz gesagt: Selbstwertgefühl ist die Bewertung, die du von dir selbst hast. Ist es gesund, bleibst du ruhig, auch wenn du beleidigt wirst. Ist es übersteigert oder zu gering, drohen Maßstabsverlust, Überreaktionen und Rechtsverstöße. Anlage 2 der BewachV nennt das Thema ausdrücklich.

Das Selbstwertgefühl ist eines der wenigen Themen, die in Anlage 2 der Bewachungsverordnung ausdrücklich genannt werden: das Selbstwertgefühl als Grundlage für den Umgang mit sich selbst und anderen, übersteigerte Selbstwert- und Minderwertigkeitsgefühle, ihre Ursachen und der mögliche Maßstabsverlust. Das hat einen praktischen Grund. Viele Vorfälle im Sicherheitsdienst, bei denen Wachpersonen ihre Befugnisse überschreiten, haben weniger mit fehlendem Wissen zu tun als mit verletztem oder aufgeblähtem Ego.

Was Selbstwertgefühl ist

Selbstwertgefühl ist die gefühlsmäßige Bewertung der eigenen Person: Wie wertvoll, fähig und liebenswert finde ich mich? Es ist eng verwandt mit dem Selbstbewusstsein, das im Alltag oft gleichbedeutend verwendet wird. Genauer bezeichnet Selbstbewusstsein das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Selbstwertgefühl dagegen den grundsätzlichen Wert, den du dir zuschreibst.

Das Selbstwertgefühl entsteht vor allem durch Erfahrungen: Anerkennung und Liebe in der Kindheit, Erfolge und Misserfolge, Rückmeldungen anderer, der Vergleich mit anderen. Es ist nicht fest, sondern kann sich ein Leben lang verändern.

Drei Ausprägungen

Gesundes Selbstwertgefühl

Wer ein stabiles Selbstwertgefühl hat, kennt seine Stärken und Schwächen und kann mit beiden leben. Typisch ist:

  • Kritik wird angehört und geprüft, nicht sofort abgewehrt.
  • Beleidigungen werden nicht als Angriff auf den eigenen Wert erlebt.
  • Fehler können zugegeben werden.
  • Andere müssen nicht kleingemacht werden, damit man sich groß fühlt.
  • Grenzen werden ruhig und klar gesetzt.

Für eine Wachperson ist das die beste Grundlage. Wer in sich ruht, muss am Einlass niemandem beweisen, wer hier das Sagen hat.

Übersteigertes Selbstwertgefühl

Ein übersteigertes Selbstwertgefühl zeigt sich als Überheblichkeit, Selbstüberschätzung und Rechthaberei. Betroffene halten sich für unfehlbar, nehmen Regeln für sich selbst nicht so ernst und reagieren gekränkt, wenn andere ihnen nicht folgen. Oft steckt dahinter kein echtes Selbstvertrauen, sondern eine Fassade, die leicht zu verletzen ist.

Im Sicherheitsdienst kommt eine besondere Gefahr hinzu: die Wirkung von Uniform und Rolle. Wer sich durch Dienstkleidung, Funkgerät und Hausrecht mächtig fühlt, verwechselt leicht die Rolle mit der eigenen Person. Daraus entsteht Machtgehabe: Leute werden herumkommandiert, angeschrien, unnötig kontrolliert.

Minderwertigkeitsgefühl

Wer sich selbst wenig zutraut, fühlt sich schnell angegriffen, ist unsicher und weicht Konflikten aus. Das kann im Dienst zu zwei ganz unterschiedlichen Reaktionen führen: übermäßige Nachgiebigkeit, also Regeln nicht durchsetzen, um Ärger zu vermeiden, oder Überkompensation. Der Psychologe Alfred Adler hat beschrieben, dass Menschen Minderwertigkeitsgefühle oft durch betontes Stärkezeigen ausgleichen. Wer sich innerlich klein fühlt, tritt dann besonders hart auf.

Das ist der Grund, warum ein unsicherer Kollege manchmal aggressiver auftritt als ein selbstsicherer. Härte ist kein Zeichen von Stärke.

Maßstabsverlust

Maßstabsverlust heißt: Das Gefühl für das richtige Maß geht verloren. Sowohl übersteigerte Selbstwertgefühle als auch verletzte Minderwertigkeitsgefühle können dazu führen. Die Wachperson reagiert dann nicht mehr angemessen auf die Lage, sondern auf ihr Ego.

Die Folgen können strafrechtlich und beruflich ernst sein:

  • Auftreten mit angeblichen Befugnissen ("Ich nehme Sie jetzt mit"), das bis zur Amtsanmaßung reichen kann
  • Unnötiger Zwang, der als Nötigung, Freiheitsberaubung oder Körperverletzung strafbar sein kann
  • Beleidigungen gegenüber Gästen
  • Beschwerden beim Auftraggeber und Verlust des Auftrags

Eine Verurteilung wegen vorsätzlicher Körperverletzung führt nach Paragraf 34a GewO in der Regel dazu, dass du nicht mehr als zuverlässig giltst, wenn bestimmte Strafhöhen erreicht sind. Dann ist der Job im Bewachungsgewerbe weg.

Wie du dein Selbstwertgefühl stärkst

  • Fachwissen und Training: Wer seine Rechte und Grenzen kennt, ist sicherer und muss nicht bluffen.
  • Rolle und Person trennen: Beschimpfungen gelten meist der Rolle. Mehr dazu bei Provokation.
  • Feedback suchen: Ehrliche Rückmeldung von Kollegen zeigt dir, wo du stehst.
  • Fehler als Lernchance: Wer Fehler zugeben kann, muss sie nicht vertuschen.
  • Ausgleich außerhalb des Dienstes: Wer seinen Wert nur aus der Uniform bezieht, ist besonders anfällig für Kränkungen.

Ein Fall aus dem Dienst

Du bist mit einem neuen Kollegen in der Citystreife einer Innenstadt unterwegs. Eine Gruppe Jugendlicher sitzt auf den Stufen vor einem Kaufhaus, das euch beauftragt hat. Einer ruft: "Na, ihr Möchtegern-Bullen!" Dein Kollege geht sofort auf ihn zu, baut sich vor ihm auf und sagt: "Ausweis! Sofort! Sonst nehme ich dich mit!"

Das ist Maßstabsverlust. Der Kollege reagiert auf die Kränkung, nicht auf die Lage. Er kann keinen Ausweis erzwingen und hat keine Befugnis, jemanden "mitzunehmen". Die Jugendlichen haben, was sie wollten: eine Reaktion. Richtig wäre: Den Spruch überhören, die Gruppe ruhig und höflich ansprechen, auf die Hausordnung des Kaufhauses hinweisen, falls sie im Eingangsbereich stören, und bei echten Verstößen das Hausrecht nach Dienstanweisung durchsetzen. Nach dem Einsatz sprichst du den Kollegen unter vier Augen auf die Situation an.

Typische Prüfungsfallen

  • Ein gesundes Selbstwertgefühl zeigt sich durch Ruhe und Gelassenheit, nicht durch Dominanz.
  • Minderwertigkeitsgefühle können zu aggressivem Verhalten führen. Das nennt man Überkompensation.
  • Maßstabsverlust kann sowohl aus übersteigertem Selbstwertgefühl als auch aus Minderwertigkeitsgefühl entstehen.
  • Die Uniform verleiht keine Befugnisse. Wer sich durch sie mächtig fühlt, läuft Gefahr, Grenzen zu überschreiten.
  • Selbstwertgefühl ist nicht angeboren und unveränderlich, sondern durch Erfahrungen geprägt.

Teste dich: Übungsfragen zu diesem Thema

Wie in der IHK-Prüfung können eine oder zwei Antworten richtig sein. Kreuze an und prüfe dann.

Frage 1 von 6 · 2 richtige Antworten

Woran erkennst du ein gesundes Selbstwertgefühl bei einer Wachperson?

Frage 2 von 6 · 1 richtige Antwort

Was versteht man unter Maßstabsverlust?

Frage 3 von 6 · 1 richtige Antwort

Ein unsicherer Kollege tritt gegenüber Gästen besonders hart und laut auf. Wie lässt sich das erklären?

Frage 4 von 6 · 2 richtige Antworten

Welche Folgen kann Maßstabsverlust im Dienst haben?

Frage 5 von 6 · 1 richtige Antwort

Wodurch wird das Selbstwertgefühl vor allem geprägt?

Frage 6 von 6 · 1 richtige Antwort

Ein Jugendlicher ruft dir "Möchtegern-Polizist" hinterher. Was zeigt ein stabiles Selbstwertgefühl?

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Diese Seite ersetzt keine Rechtsberatung. Maßgeblich ist der aktuelle Gesetzestext.